Gemeinsam statt einsam

Das Training mit positiver Verstärkung ist so viel mehr als nur ein Leckerchen dem Hund zu reichen nachdem er ein für uns Menschen erwünschtes Verhalten gezeigt hat.

Es bedeutet für Hunde, angstfrei zu leben. Sich uns Menschen vertrauensvoll anzuschliessen. Hunde sollen sich nicht vor einer Strafe fürchten müssen, weil wir es versäumt haben, ihnen im Training aufzuzeigen, welches Verhalten wir von ihnen wünschen. Weder wir Menschen noch unsere Hunde sind perfekt. Wir dürfen lernen und dabei Fehler machen.

 

Hunde trainieren zu dürfen bedeutet für mich:

Erwünschtes Verhalten beim Hund aufbauen, eine Umgebung zu schaffen, wo Lernen möglich ist, Zeit geben und Denkprozesse anregen. Ich setze Motivation von Hund und Mensch voraus, es soll beiden Spass machen. Mensch und Hund sollen Erfolg im Training haben. Frust ist immer ein Thema aber ich passe für das Hund-Mensch Team die Übungen so an, damit Frust während dem Training nicht überwiegt.

Hunde trainieren zu dürfen bedeutet nicht:

Unerwünschtes Verhalten durch ein scharfes NEIN, PFUI, AUS, zwicken oder anrempeln, Kette auf den Boden werfen, mit einer Wasserflasche den Hund anzuspritzen usw. abzustellen. Mit diesen Massnahmen geben wir unseren Hunden nicht die Information, welches Verhalten wir bei ihnen sehen wollen. Wir unterstützen sie nicht und fördern sie nicht im erwünschten Verhalten. Wir wollen auf diese Weise unschönes Verhalten abstellen, wie bei einer Maschine und verunsichern dabei unsere Hunde oder machen sie widerstandsfähiger gegen unsere Massnahmen. Viele Hunde härten ab, kapseln sich ab, kommunizieren nicht mehr mit ihren Menschen, werden „bockig“ um es in Menschensprache zu sagen, es entsteht immer mehr Widerstand was den Frust auf beiden Seiten wachsen lässt.

An dieser Stelle ein Beispiel: Ihr sollt chinesisch lernen. Wie, wo, was? Wie spricht man das aus? Ein Versuch –> NEIN! Ok, zweiter Versuch –> NEIN! Gut, dritter Versuch –> NEIN und Schlag auf den Hinterkopf! Kapierst Du es denn wirklich nicht?! Falsch, falsch, falsch. Alles falsch und wieder NEIN!

Nun gut, dass es falsch ist, wissen wir nun und spüren mussten wir es auch. Mit einem Schlag auf den Hinterkopf haben wir nun wirklich nicht gerechnet aber wir merken uns dies, damit wir uns vor dem nächsten Schlag, der sehr gut folgen könnte ducken können. Aber WIE spricht man es denn bitte schön aus? Hier würde es uns gehen, wie unseren Hunden. Wir wissen, dass wir falsch liegen, können aber nicht lernen, wie es richtig ausgesprochen wird, weil uns keine Unterstützung geboten wird. Es wird weder vorgemacht, noch wird uns ein Anhaltspunkt gegeben. Lernen auf diese Art und Weise macht keinen Spass. Zudem macht sich Frust bemerkbar, weil man ja sowieso alles falsch macht und die Angst sitzt im Nacken, weil der Schlag auf den Hinterkopf nicht angekündigt wurde, er hat uns eiskalt erwischt.

Im Gegensatz zu uns Menschen, die sich nicht selten eine „Motivationsspritze“ wünschen, wenn es darum geht, sich auf eine Sache zu konzentrieren, damit man die Hirnzellen mit neuem Stoff füttern kann, sind unsere Hunde gewillt und hochmotiviert, erwünschtes Verhalten zu lernen. Mir ist im Training noch kein einziger Hund begegnet, der lustlos sein eigenes Ding gemacht hat! Sie wollen es gut machen, wollen mit uns einfach nur eine gute Zeit haben, das Leben geniessen, am liebsten mit uns an der Seite. Ein Punkt jedoch darf nicht ausser Acht gelassen werden: Die Bedürfnisse unserer Hunde! Je mehr Bedürfnisse wir bei unseren Hunden befriedigen und mit unserem eigenen Leben vereinbaren können, desto glücklicher das Leben unserer Hunde. Ich muss hoffentlich nicht erwähnen, dass Bedürfnisse wie Rehe jagen, Jogger zwicken usw. realistischer Weise nicht erfüllt werden können 😉

Es stimmt mich immer wieder traurig, wenn ich höre, dass der Hund auch ohne Belohnung das erwünschte Verhalten zeigen soll. Der Hund soll funktionieren. Er soll sich verhalten wie wir Menschen es wünschen, weil – jetzt kommt’s – er uns liebt! Warum soll ein Welpe oder ein erwachsener Hund, der frisch bei uns eingezogen ist, uns denn so selbstlos lieben, dass er im wunderbar duftenden Märchenwald alles stehen und liegen lässt, damit er unserem Ruf auf direktem Wege folgt? Was können wir ihm denn bieten? Haben wir Menschen eine solch umwerfende Aura, die unsere Hunde in Verzückung geraten lässt, wenn sie an unserer Seite gehen dürfen?
Training über positive Verstärkung bedeutet nicht, dass der Mensch als Futterautomat unterwegs ist. Und es bedeutet auch nicht, dass unerwünschtes Verhalten ignoriert wird. Für mich persönlich bedeutet es konkret:

Erwünschtes Verhalten aufbauen und fördern. Dies sowohl bei einem Welpen, als auch bei erwachsenen Hunden mit ängstlichen und/oder aggressiven Verhalten. Es bedeutet, dass ich eine Trainingssituation so gestalte, dass der Hund so oft wie nur möglich zum Erfolg kommt. Ich setze ihn nicht bewusst einer Situation aus, welche ihn überfordert, sondern gehe soweit an diese Grenze, dass ich ihn fördern und für gutes Verhalten belohnen kann, damit ich das Training schrittweise in seiner Schwierigkeit steigern kann.

Warum glauben viele Menschen, dass man „aggressive“ Hunde nur mit Druck und Gewalt trainieren kann? Haben denn nicht Druck und Gewalt (schmerzvolle Erfahrungen, meist durch Fehler von Menschen verursacht)  das aggressive Verhalten bei diesen Hunden ausgelöst? Wir alle sollten inzwischen wissen, dass hartes Training, Aggressionen beim Hund fördern (können). Je nach Rasse, wird sich die Aggression anders zeigen. Was auf jeden Fall im Inneren des Hundes wächst, ist der Frust. Und Frust hat sehr viele Gesichter. Psychische sowie physische.

Weiter bedeutet für mich positives Training:

Unerwünschtes Verhalten verhindern und unterbrechen, ohne dem Tier Schmerzen zuzufügen, es zu ängstigen oder anzuschreien. Ein unerwünschtes Verhalten zu verhindern setzt voraus, dass wir Menschen achtsam und vorausschauend unterwegs sind. Auch hier soll erwünschtes Verhalten erlernt werden. Der Fokus liegt aber nicht auf dem unerwünschten Verhalten, sondern wie weiter oben bereits geschrieben, soll der Hund möglichst oft zum Erfolg kommen, im von uns Menschen erwünschten Verhalten. Wenn ein Hund im Training regelmässig in sein unerwünschtes Verhalten fällt, ist es kein gutes Training. Der Hund wird regelmässig überfordert und reagiert nur noch. Kleines Beispiel: Ein Hund verbellt regelmässig Artgenossen, wenn er diese sieht. Beide Hunde sind in diesem Beispiel jeweils angeleint. Geht man mit dem reaktiven Hund (der bellt) regelmässig zu nahe an den anderen Hunden vorbei, wird er immer bellen, keine Veränderung. In den meisten Fällen wird das Verhalten des Hundes extremer, weil die Menschen ihre Geduld verlieren, sie werden angespannt, zupfen nervös an der Leine rum, wollen das laute Verhalten abstellen. Die Hunde wiederum verstehen den zusätzlichen Stress nicht und werden noch mehr verunsichert oder im unerwünschten Verhalten sogar bestätigt. Ein Teufelskreis beginnt.

Beginne ich nun jedoch, sobald mein Hund einen Artgenossen gesehen hat, ihn für ruhiges Verhalten zu belohnen und achte drauf, dass die Distanz jeweils so gross bleibt, dass mein Hund ruhig bleiben kann, werde ich im Hund eine positive Veränderung bewirken können. Die Distanz wird im weiteren Training jeweils kleiner. Ruhiges Verhalten wird gelobt und belohnt. Der Hund fängt an, umzudenken. Er versteht, dass die Situation, die aus welchem Grund auch immer, für ihn mit negativen Erfahrungen gespickt war, nun schöner wird. Die meisten Hunde bellen an der Leine, weil sie bedrängt oder angegriffen wurden. Wird die Distanz bei solchen Hunden regelmässig unterschritten und der Hund nicht ernst genommen, wird er lernen, zu anderen Massnahmen zu greifen. Hunde die zu nahe kommen, werden nicht nur verbellt sondern evtl. auch abgeschnappt und gebissen. Bei unserem Beispiel lernt der Hund nun, dass es keinen Grund für diese negativen Emotionen (Angst, Wut etc.) gibt. Es ist nicht mehr nötig für ihn, weil er nun immer wieder die Erfahrung macht, dass nichts Schlimmes geschieht – im Gegenteil, es ist schön dank der Belohnungen und es ist angenehm dank der Distanz, die Sicherheit schafft. Wir fördern ruhiges Verhalten. Ein zugegebener Weise sehr vereinfachtes Bespiel. Die Realität erfordert exaktes Timing, gute Trainingspartner (Hunde wie auch Menschen) und ein übersichtliches Gelände, welches häufig gewechselt wird, damit die Hunde generalisieren können. Nicht zuletzt beginnt das Training mit einer gründlichen Anamnese. Wann hat dieses Verhalten begonnen, was wurde bereits dagegen unternommen, ist der Hund grundsätzlich gesund etc. sind wichtige Fragen, die mit dem Hundehalter besprochen werden müssen, bevor das Training überhaupt starten kann.

Positives Training bedeutet für mich persönlich so viel. Zusammen wachsen, Sicherheit geben, Vertrauen aufbauen, Bindung stärken, zusammen Spass haben, den Hund beobachten und dabei immer besser kennenlernen, Kommunikation verbessern, und noch so vieles mehr.

Habt einen achtsamen Umgang mit Euren Hunden. Sie lieben Euch so wie ihr seid. Mit allen Fehlern und Makeln. Und sie würden Euch für nichts auf der Welt verlassen.

Wir bleiben auf jeden Fall auf diesem Weg und ich freue mich, weiterhin Menschen mit ihren Hunden ein Stück weit des Weges begleiten und unterstützen zu dürfen.

 

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